Die kleine Form
"Aber bitte keine Folge länger als 4`30!"
Zusammen mit Rolf Thym , Journalist und in früheren Jahren auch Kabarettspieler und Bandleader in Augsburg,

( sowie bekennender Hundeknecht,
siehe Beweisfoto rechts)
www.und-dann-kam-toni.de

hat Marina für den Bayerischen Rundfunk Mini-Hörfunkserien geschrieben und produziert.

"Leider wenig bekannt, aber voll kultfähig!"

meinte ein Hörer,
und das war etwas ganz Besonderes,
denn wenn man sonst von Hörern überhaupt etwas hörte
waren es Beschwerden.
DEDEKDEI SCHNEISEL
Aus dem aufregenden Leben eines Privatdedekdivs,
in 4 Abenteuern und 53 Folgen, mit TV-Kommissar Wilfried Klaus, diesmal als frängischer Ermiddler, Georg Kostya, Ottfried Fischer, Conny Glogger, Jockel Tschiersch u.v.a.

RUDY RATZ, ODER: DIE WIRKLICHKEIT IST GANZ ANDERS ALS DIE REALITÄT,
die Abenteuer einer Luxusratte in 48 Folgen, mit Ingrid Steeger als Erzählerin u.v.a.
Macht Schreiben Spaß?
Ehrlich?
Schreiben für den Hörfunk, wenn es nicht gerade um große Hörspiele oder Features geht, bedeutet fast immer Tagesgeschäft.
Aktuelle Berichte, Kommentare, Glossen - der Beitrag wird gesendet, steht manchmal noch für kurze Zeit im Netz, wird gelöscht.
Dazu das Diktat der Kürze: fünf, drei, anderthalb Minuten, je nach Vorgabe der Redaktion.
Da bekommt man im Lauf der Jahre Lust, auch mal etwas zu schreiben
1. ohne Zeitlimit
2. mit einem Ergebnis, das man in die Hand nehmen kann.
Einen Roman, was sonst.

Ja, Schreiben macht Spaß!

Aber was Marina mit ihrem Co-Autor Andreas Diebold,
www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/DieboldAndreas

Verfasser von satirischen Texten für SWR, BR und seit 2013 auch fürs Kabarettprogramm der Augsburger Puppenkiste,
dann erlebte,
ist ein abschreckendes Beispiel für Leute, die glauben, sie würden als Quereinsteiger ins Literaturgeschäft hineinkommen, nur weil sie schreiben können.
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Das Projekt war: ein Regionalkrimi, aber bitte ohne Serienmörder, mit Witz, aber nicht anbiedernd, und ohne einen ( von was auch immer, Alkoholproblem bis Zölibat) geplagten Kommissar als Hauptfigur. Dazu mit einem Thema, das zu dem gewählten Handlungsort passt: zu Murnau mit seinem Schloßmuseum und dem Kult um die Maler des Blauen Reiter also ein Krimi um Kunstraub und Raubkunst.
Als das Skript fertig war, durften wir erst mal geduldig warten auf Nachricht eines Verlags, dessen Lektorin vages Interesse gezeigt hatte. Ein Dreivierteljahr später dann kam das Manuskript zurück ( und das war eine bevorzugte Behandlung!) aber mit einer Formblatt-Absage. Auf weitere Einsendungen erfolgt meistens gar nicht, manchmal die üblichen Absagen, und einmal sogar die Erklärung, WARUM der Titel nicht ins Verlagsprogramm passe.
Wir beschließen, jetzt besser mit einem Literaturagenten zusammen zu arbeiten. Von Freunden wird uns ein Mann empfohlen, der in der Vergangenheit durchaus Erfolge aufzuweisen hatte. Der will uns vertreten, verlangt aber, sogar mit guten Argumenten, gleich mal das Umschreiben der Geschichte und vor allem einen Kommissar mit Problemen.
Den kriegen wir auch noch hin, doch als wir stolz die neue Geschichte unserem Agenten vorlegen wollen, ist er unerreichbar, und, wie wir später erfahren, abgetaucht im Sumpf eigener realer Probleme.
Inzwischen ist wieder viel Zeit vergangen, da kommt plötzlich eine mail: die Cheflektorin eines Verlags mit einem guten Namen in der Krimiszene will das Buch machen!
Man trifft sich, ein paar Veränderungen werden gewünscht, Lesereisen werden geplant. Dann 4 Wochen später wieder per mail die knappe Absage: der Marketingchef ist dagegen, denn die Region Werdenfelser Land sei im Jahr 2011 schon zu dicht besetzt mit Regionalkrimis. Außerdem sei das Thema Kunstraub nicht interessant und schon gar nicht die Figur eines alten Mannes, der in seiner Villa Kunstwerke aus jüdischem Besitz lagert, günstig erworben von seinem Vater.

Wir haben jetzt keine Lust uns weiter zu ärgern und legen das mittlerweile mehrere Jahre alte und seit dem Fall Gurlitt auch von der Wirklichkeit überholte Skript ab in den Ordner WARNIX.
Ich glaube nicht, dass ich noch einmal auf Verdacht einen 300-Seiten-Roman schreiben werde. Jetzt, wo ich nicht mehr an sie gebunden bin, habe ich die kleine Form wieder für mich entdeckt,
SHORT STORIES!
gepflegt vor allem in Amerika,
Prosa(Kunst)Stückchen, die oft mehr aussagen als 800-Seiten-Wälzer.
Das nehme ich für mich nicht in Anspruch,
aber kurze Geschichten schreibe ich trotzdem gerne.
HUNDSTAGE

Wegen der Hitze hab ich mir heut morgen ein Weißbier eingeschenkt,“ sagte Rudi, als er die Getränkekästen auf meiner Veranda abstellte.
Ich schaute auf das Thermometer. Schon über zwanzig Grad um neun Uhr früh.
“Aber der Alois hat das Glas umgeworfen. Ich glaub, das hat er mit Absicht gemacht.“
Alois ist Rudis Berner Sennenhund.
“Das hat er auch.“ sagte ich.
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„Heute ist der 23. Juli. Da beginnen die Hundstage. Sirius im canis maior geht zusammen mit der Sonne auf und unter. In dieser Zeit verändert sich das Verhalten der Hunde. Kein Witz. Wissenschaftlich. Kosmische Strahlungen. Schon die Ägypter und die alten Chinesen. Es endet am 23. August.“
“Und warum hab ich das nie gemerkt?“ fragte Rudi.
“Weil es die Hunde nicht wollen.“

Eine Woche später brachte Rudi eine Nachlieferung Apfelsaft. Er schien beunruhigt.
“Der Pudel meiner Schwester hat im Hundesalon in die Handtasche der Besitzerin geschissen. Sie sagt, so was hat er noch nie gemacht.“
Ich nickte ernst. „Mich überrascht das nicht.“
In den folgenden Tagen berichtete mir Rudi immer bei einer kurzen Unterbrechung auf dem Weg zu seinen Kunden von neuen Vorkommnissen. Von zwei Deutsch-Drahthaar-Rüden, welche, anstatt sie dem Jagdpächter aus der Stadt zu apportieren, die Rebhühner selbst gefressen hätten. Von einer belgischen Schäferhündin, die, anstatt pflichtgemäß in einem Anwesen Haschisch zu erschnuppern, ins Nachbarhaus eingedrungen sei und dort die Pornosammlung des Besitzers verbellt habe.
Besonders beunruhigend sei aber das Verhalten eines alten Dalmatiners, der zwar in nichts vom Gewohnten abweiche, aber den Eindruck erwecke, als würde er auf etwas warten.
Ich war begeistert.

Die Temperaturen stiegen weiter, und auch Rudis Erzählungen heizten sich auf.
Schoßhündchen simulierten ihr jähes Ableben so überzeugend, dass ihre Besitzerinnen zu Tode erschraken.
Treue Wächter der Familie sahen ungerührt zu, wenn Kinder in Schwimmbecken oder Teiche gefallen waren, einige hatten sie selbst dort hineingestoßen.
Vorstehhunde brachten die Jägern nicht nur um die Beute, sondern ließen sie heimtückisch straucheln. Dadurch lösten sie immer wieder Schüsse aus, sodass es nur noch eine Frage der Zeit schien, bis ein Mensch getroffen würde.

Die Hitze erreichte ihren Höhepunkt.
Weil das Leergut knapp wurde, kam Rudi vor der Zeit, um Kästen abzuholen.
Eine Frau besaß einen schönen Rottweiler. Um ihrem neuen Lebensgefährten, einem strengen Vegetarier, zu gefallen, versuchte sie, auch den Hund an fleischlose Kost zu gewöhnen. Nach einer Woche fraß das Tier den Lebensgefährten, danach nichts mehr.
Für diese Geschichte bot ich Rudi einen Hausgebrannten an, er lehnte jedoch ab.
Ich bedauerte bereits, dass ich ihm das Ende der Hundstage so genau genannt hatte.

Mein Wasservorrat ging zur Neige. Gewöhnlich genügte eine Nachricht auf Rudis Anrufbeantworter, aber diesmal kam er nicht, auch nicht am folgenden Tag. In meinen Unmut begann sich etwas Sorge zu mischen. Ich beschloss, einen Spaziergang zu machen.
Vor meiner Gartentüre stand Rudis Sennenhund. Das gefiel mir nicht. Ich tätschelte dem Tier den Kopf. „Brav, Alois, ich schau jetzt sofort nach Rudi.“
“Das wirst du nicht tun,“ antwortete der Hund. „Ich bin der Hüter meines Menschen, und er soll nicht Umgang haben mit solchen, die ihn verleiten, falsches Zeugnis abzulegen. Alles klar? “
Dann gähnte er mir ins Gesicht und gab mir Gelegenheit, sein prachtvolles Gebiss zu bewundern.

und noch Kürzeres: Glossen, Szenen, Sketche,
wie für die literarischen Abende mit Melchior Schedler, und wer mehr über ihn wissen will -
www.melchiorschedler.de
Applaus für unsere szenische Lesung in Murnau,
Foto aus dem Zuschauerraum mit Smartphone -
eine neue Technik hat ein Bild produziert, das mich an die Amateurschnappschüsse meiner allerersten öffentlichen Auftritte erinnerte.
vielleicht schrumpfe ich demnächst weiter zu einem sich selbst genügenden Aphorismus
ABER

Vorläufig bin ich noch bei ca. 2000 Zeichen, mal mehr mal weniger -
und wer Lust hat, kann diese, mit wechselndem Inhalt, hier lesen.
Etüden über einen bekannten Satz

1.
Ich liebe dich!

rufe ich. Stille.
Ich wiederhol es. Keine Reaktion. Versteht er mich nicht?
Beim dritten Mal, endlich, geruht er sich vom Sofa zu wälzen.
Dann...
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Etüden über einen bekannten Satz


1.
Ich liebe dich!
rufe ich. Stille.
Ich wiederhol es. Keine Reaktion. Versteht er mich nicht?
Beim dritten Mal, endlich, geruht er sich vom Sofa zu wälzen.
Dann steht Felix, mein Dackel, erwartungsvoll vor mir, die Ausgehleine im Maul.
Na das hat gedauert!
Jetzt frage ich mich: klingt "ich liebe dich" wirklich so anders als "hierher, Gassi gehn?"

2.
Ich liebe dich!
Herbert rief es durch die geschlossene Badezimmertüre, und Gisela ließ vor Schreck ihre Zähne, die sie soeben von Nusskuchenkrümeln gereinigt hatte, ins Waschbecken fallen. Die Prothese zerbrach mit porzellanenem Klirren in zwei Teile.
Eine Woche die Reparatur! Eine Woche mit zahnlosem Oberkiefer!
Der schüchterne Herbert würde also noch auf eine deutliche Antwort warten müssen. Aber warum, fragte sich seine alte Schulfreundin, hatte er ihr dieses Geständnis nicht schon vor einem halben Jahrhundert gemacht?

3.
"Ich liebe dich,
mehr als die Worte je umfassen,
weit inniger als Licht und Luft und Freiheit,
weit mehr als..."
...Und so weiter. Irgendwas in der Art, dachte ich, so einen verlogenen Schmus würde mein Vater, der sentimentale alte Zausel, als Antwort auf seine dämliche Frage erwarten. Da ich aber hoffte, endlich enterbt zu werden und meine Ruhe vor ihm zu haben, knallte ich`s ihm hin, ganz cool:
"Du zeugtest, nährtest, pflegtest mich, und ich
Erwidr`dir diese Wohltat wie ich muß,
Ich liebe dich, wie`s meiner Pflicht geziemt,
nicht mehr, nicht..."
Weiter kam ich nicht.
"Shakespeare!" schrie er begeistert, "König Lear, 1 Akt., 1. Szene! Cordelias Rede! Mein gebildetes Kind, du bist die Richtige, ich hab mich in dir nicht getäuscht, du darfst mich pflegen und nach meinem Tod meinen Nachlass verwalten!"
Jetzt sitz ich in dieser Hütte, Verkaufswert Null, verstopft mit Klassikerausgaben, die keiner haben will, und mit seiner angeblich weltweit größten Sammlung von Schnabeltassen. Und ich frag mich, wozu ist diese Sch...literarische Bildung eigentlich gut.


md 11/2016
Im Mai 2016 fing ich an, für Freunde diesen längeren Text über Christian Enzensberger, meinen Doktorvater, zu schreiben, denn ich fand, dass seine Persönlichkeit mehr als einen nüchternen Wikipedia-Eintrag wert sei. Im August nun lese ich in der Süddeutschen Zeitung vom Erscheinen eines "Erinnerungsbuchs", mit Beiträgen von seinen Brüdern und Anderen.
Staunend über dieses bemerkenswerte Zusammentreffen fasse ich mir an die Stirn, wie das Männlein auf der Zeichung von "Alice im Wunderland"-Verfasser Lewis Carroll, den Christian wiederum kongenial übersetzt hat.
Und wer mehr wissen will,

hier ist mein


KLEINERER VERSUCH ÜBER DEN CHRISTIAN



.. Ende Januar 2009 sorgte ein Föhneinbruch am Alpenrand für Mittagstemperaturen über 10 Grad. Schneereste schmolzen und gefroren wieder in der Nacht, und wer am Morgen aus dem Haus musste, schwankte, rutschte, stürzte auf tückisch glatten Eisflächen. An einem solchen Tag las ich in der Zeitung vom Tod meines Doktorvaters Christian Enzensberger.

... Ich hatte ihn seit Jahren nicht mehr gesehen und auch nicht vermisst. Das begann erst im Lauf der folgenden Zeit. Das erste Symptom: ich erzählte Anderen von ihm, ohne Aufforderung.

... Von seinem Bruder Hans Magnus hat man irgendwann wenigstens gehört, vielleicht sogar eines seiner Gedichte gelesen oder sich von ihm die Mathematik erklären lassen. Christian dagegen, der Übersetzer, Autor, Literaturwissenschaftler - wer beispielsweise in Wikipedia nach ihm sucht, findet dort einen kargen Lebenslauf und einen abschreckend langen und gelehrten Artikel über seine literaturtheoretische Arbeit.
Damit will ich nicht konkurrieren. Ich will, nicht mehr und nicht weniger, mich erinnern, an eine Ausnahmeerscheinung ( ja, Erscheinung, im Sinne von etwas, das einem widerfährt und das andere nicht sehen) unter den Universitätsgelehrten, das Gegenbild eines klassischen Doktorvaters. Mich erinnern und von neuem wundern - in der Hoffnung, das Wundern auch irgendeine geneigte Leserin, einen geneigten Leser spüren zu lassen.
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... Andere Promovierte und Doktoranden reden gerne von ihrem "Prof", aber als ich beschloss, Anglistik als Studienfach zu belegen, war Christian noch kein Ernannter, nur Privatdozent. Und es sah nicht so aus, als ob die Universität München mit dem eigenwilligen Erforscher von "Literatur und Interesse" je einen Lebensbund eingehen würde, galt er doch damals, 1968, auch noch als links, irgendwie jedenfalls.

... "Bah, DER, des isch ja bloß a Salonmarxischt, mit sowas kannsch doch koi Revolution macha!"
Ich hatte allen freudig mitgeteilt, dass ich mich jetzt für dieses Seminar bei Christian Enzensberger einschreiben wollte, doch der Augschburger Kommilitone, der so verächtlich dagegen spuckte, war beim KBW, wie die ehemalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt oder der Autor von Geschichtsbestsellern, Götz Aly.
Ich blieb bei meiner Entscheidung. Der Kommilitone verschwand schon im folgenden Semester aus München ins revolutionäre Berlin, und, wie ich hörte, in späteren Jahren im höheren Staatsdienst.

... Ganz unrecht hatte der KBW-Kämpfer allerdings nicht. Christian hatte sich, wie viele von uns, in irgendwelchen irgendwie linken Gruppen engagiert, für politische Häftlinge, gegen Folter, aber er verfasste weder Texte für oder über das Proletariat, noch versuchte er den Siemens-Arbeiter ans Schreiben heranzuführen.
Vielmehr klärte er uns, den Akademikernachwuchs, über die kompensatorische Funktion jedweder Literatur auf, auch der vermeintlich revolutionären. Der Zusammenhang der Literatur mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit sei nicht der einer Aufforderung zur Veränderung, nicht einmal einer Abbildung, sondern der einer, wie er es nannte, Sinnberuhigung, Bedürfnisbefriedigung, einer Kompensation eben, Punkt.
Und nachdem er mit bübischem Lächeln diese vernichtende Wertung unseres Studiengegenstandes vorgetragen hatte, wünschte er, dass man sich nun konkret mit Sprache und Themenwahl beispielsweise des Dichters Shelley im gesellschaftlichen Kontext befassen solle.
Keiner der Teilnehmer dieses Seminars protestierte; nur ein Pärchen, das, offenbar ungewarnt vom KBW, sich hier Handreichungen für eine neue proletarische Literatur erhofft hatte, blieb von da an der Veranstaltung fern.

... Man besucht den Doktorvater in seiner Wohnung, um ihm vom aktuellen Stand der Dissertation zu berichten. Eine Mitbewohnerin, Studentin, (der andere Bewohner ist LKW-Fernfahrer und unterwegs) öffnet die Tür, und ist schon in Eile auf dem Weg zu einer Veranstaltung gegen...irgendwas Politisches jedenfalls. Man schaut sich jetzt um im geräumigen Flur, seine Zimmertüre steht offen, doch der Doktorvater ist nirgendwo zu auszumachen. Da lässt ein Plätschern aufhorchen - er sitzt noch in der Badewanne und beklagt sich, dass niemand ihm den Rücken schrubbt. Man ergreift einen Schwamm und tut es, und es hat nicht mehr Bedeutung als das Erfüllen einer höflichen Bitte in der Art "Könnten Sie mir das Salz reichen?"
Im nachfolgenden Gespräch über die Dissertation wird ein Problem punktgenau erfasst, zwei Lösungsmöglichkeiten werden entworfen und dann wandert der Dialog von der aktuellen Situation der Homosexuellen weiter zur anstehenden Führerscheinprüfung (beide Gesprächspartner sind schon einmal durchgefallen) und und...
und wer bitte kann von vergleichbarer Zusammenarbeit mit seinem Doktorvater berichten?

... Wohngemeinschaft, Kapitalismuskritik, das schnelle Du - ein 68ger also, wie Wikipedia als Standortbestimmung für ihn angibt? Oder gar ein waschechter Linker?
Hier würde der Kommilitone vom KBW schon wieder Einspruch erheben: nein, das seien alles unverbindliche revolutionäre Posen eines frustrierten Bürgerlichen; und auch wenn der Universitätsdozent jetzt abends in der Kneipe kellnert, habe das nichts mit echter Arbeit mit dem Proletariat zu tun, denn wie man hört, wolle er nur einem italienischen Freund einfacher Herkunft helfen, eine Kleinunternehmer-Existenz aufzubauen, also ein rein privates Motiv und wertlos im Kampf gegen die Klassengesellschaft!
Und wahrscheinlich hätte der kritische KBW-Kommilitone schon wieder Recht.

... "Du, die haben uns auf dem Amt gefragt, ob wir ein "Fach-Ehepaar" sind!" Der Wissenschaftler konnte immer wieder amüsiert dem bisher unbekannten Begriff nachschmecken. Fach-Ehepaar bedeutet in der Fach-Sprache der Gastronomie die arbeitsteilige Kombination von Koch/Köchin mit Kellner/Kellnerin. Für die kleine Kneipe am oberen Ende der Theresienstraße bedeutete es: Koch Giuseppe und Kellner Christian.
"Wannst net Professor worn warst, hättst auch a guate Bedienung abgebn!" meinte ein Gast anerkennend.
Laute wie diese hörte man dort eher selten. Die Mehrzahl der Besucher waren Studenten und andere Akademiker , die es ohne die Attraktion eines kellnernde Universitätsdozenten wohl nicht in diesen etwas schäbigen Grenzbereich der Maxvorstadt gezogen hätte.
Auch Hanser-Lektor Michael Krüger war öfter zu Gast, offen für freundlich unverbindlichen Wortwechsel an der Theke. Als allerdings eine mitgebrachte Bekannte mit ihm zielgerichtet zu flirten begann, nahm mich Christian kichernd beiseite: "Warn deine Freundin, der interessiert sich nur für Gräfinnen!" Ob das zutraf habe ich allerdings weder Michael Krüger noch die trotz der Warnung weiter flirtende Bekannte gefragt.
Eine Zeit lang wurde mindestens zweimal am Abend der Song "I bin bläd" von Lisa Fitz eingeworfen - ob von den ganz Gescheiten oder von den Angehörigen der nicht-akademische Minderheit, darauf habe ich damals nicht geachtet. Koch und Kellner sangen aber beide gerne den Refrain mit: "Des versteh i ned, denn i bin bläd!"
Ich hatte von meinem WG-Zimmer nur einen kurzen Fußweg zur Kneipe und fand sie entspannend nach einem Tag zwischen Büchern und an der Schreibmaschine. Man kam quasi in die Wohnstube von Freunden, wo halt noch Andere herum saßen, die man kannte, oder auch nicht, man winkte durch die offene Tür dem Koch zu, umarmte kurz den Kellner, und bei wenig Betrieb setzte sich der auch mal zu einem und man plauderte über das Wetter, Gerd Mattenklotts Untersuchungen zu Beardsley und George, und den Sozialismus in Kuba.
Habe ich nun diese Zeit und diesen Ort nachträglich zur Idylle verklärt?
Doch beim Graben nach unerfreulichen Erinnerungen konnte ich nur eine einzige zutage fördern:
an einem sehr kalten Winterabend wurden mir aus den Taschen meines billigen Wollmäntelchens an der Garderobe die teuren warmen Wildlederhandschuhe geklaut - war`s einfacher Diebstahl eines Minderheitenangehörigen oder ideologisch unterfütterte Inbesitznahme durch einen K-Kommilitonen - ich werde es nie erfahren.

... Von einem längeren Englandaufenthalt zurück gekommen, erfuhr ich, dass die Kneipe aufgegeben sei. Ich hatte schon einmal gehört, Koch Giuseppe, der schlichtere Teil des Fach-Ehepaars, sei eifersüchtig auf die größere Beliebtheit seines flinkzüngigen Partners bei den Gästen ("wenn Jani mal nicht da ist, gehen sie gleich wieder") Wie selbstverständlich nahm ich an, das Ende müsse eher unerfreulich gewesen sein. Ich habe deshalb auch Christian nie danach gefragt.
Doch wer mehr darüber weiß, kann es mir gerne schreiben.

... Außenansicht C.E., Mitte der 1970ger Jahre:
Das Zimmer in der Wohngemeinschaft: groß, licht, mit Fenster zur Tengstraße hin. Das Mobiliar aus hellem Holz, wie provisorisch aufgestellt. Keine Antiquitäten, Lieblingsstücke, Zierat, Verspieltes. Askese der Einrichtung.
Der Bewohner dieses Gehäuses: obgleich hoch gewachsen, verdrängt er wenig Luft. Er soll aber - schwer vorstellbar - irgendwann dicklich gewesen sein. Im Erinnerungsbild stets in einem blassbraunen Pullover, Sandfarben überhaupt.
Die Haltung aufrecht, die Stimme freundlich, zumindest höflich, selbst wenn Inhalte unfreundlich verhandelt werden müssen. Man hört, nur ganz leicht, das weiche Frängisch des in Nürnberg Geborenen. Schnell vorbeihuschendes Lachen, dafür öfter ein Lächeln wie vor der Mitteilung eines amüsanten Geheimnisses. Studentinnen fühlen sich verzaubert, auch wenn sie wissen, dass sie nichts weiter zu erwarten haben.
Sein Gang leicht, aber nicht weggeduckt, ohne viel Geräusch - er steht oft da wie aus einem anderen Raum materialisiert, und hat die Aufmerksamkeit.
Hell und trocken im Äußeren wie in seinen Literaturuntersuchungen, anfassbar und doch unfassbar.

... Nachtrag: Gab es in diesem Zimmer tatsächlich keine Hinweise auf ein besonderes Interesse des Literaturwissenschaftlers und Sprachspielers an anderen Formen der Kunst, wie Malerei und Musik? Oder auf Lust am Singen, Beherrschen eines Instruments, Sport oder Meditation? Habe ich sie damals übersehen?
Allerdings finde ich in erinnerten Gesprächen und erst recht seinen Schriften das gleiche Desinteresse wieder, ( oder war es schon Misstrauen, Verachtung?) jedenfalls keine Begeisterung für diese kulturell vorgebauten Brücken zwischen reiner Geistestätigkeit und sinnlichem Erleben. Er suchte offenbar, um den "Leib" ( das war seine sakral gehobene Benennung dafür!) zu spüren, nach ganz eigenen, elementaren Erfahrungen, nach etwas das nicht schon tausendfach betreten, befingert, feucht beatmet war.

... "Sauber ist schön und gut. Sauber ist hell brav lieb. Sauber ist oben und hier. Schmutzig ist häßlich und anderswo. Schmutzig ist unten und übel..."
Natürlich lasen wir Studenten auch Christians Buch "Größerer Versuch über den Schmutz" -"ein gezielter Verstoß gegen hergebrachte Formen der Literatur und der Theorie", wie Wolfgang Hildesheimer in einer Besprechung beifällig befand.
Mir fiel auf, dass man einige Passagen des "Versuchs" mit verteilten Stimmen skandieren konnte, das klang dann wie eine Publikumsbeschimpfung. Und ich setzte diese Texte gleich für das Augsburger Kabarett ein, in unserem Programm gegen den "Konsumterror", kapitalismuskritisch natürlich.
Obwohl etwas jünger, waren wir, die Kabarettisten, durchaus 68ger im Umgang mit geistigem Eigentum und dessen kollektiver Nutzung. Ich fragte damals Christian nicht um Erlaubnis, sondern erklärte ihm freudig, dass wir Stellen aus seinem Buch jetzt unter die Leute bringen würden, in der festen Überzeugung, dass er sich darüber freuen müsse. Sollte das nicht der Fall gewesen sein, hat er es sich aber nicht anmerken lassen.

... Als Kabarettist, Satiriker ist man gewohnt, aus der Sprache, dem Alt-und Neusprech des Alltags, des Stammtischs, der Werbung, der politischen Verlautbarungen entlarvende Erkenntnisse heraus zu bohren.
Christian machte Mut, dieses Verfahren auch auf die Literatur anzuwenden, Sätzen und Wörtern ihr oft verborgenes Woher und Wozu abzulauschen, sie zu beklopfen, schütteln, probieren ob da nicht noch etwas heraus fällt, Überraschendes, Erhellendes oder auch mal Dunkles, Schleimiges.
Über Leerformeln und Worthülsen, "Sprachgespenster und Gespensterworte" konnte der sanfte Wissenschaftler in Rage geraten. Zu einer kritischen Betrachtung möglicher Liebeserklärungen notierte er über das bekannte "Ich liebe dich": "Diese verfaulte aufgedunsene Satzwasserleiche!!"
Als ich das las, musste ich laut lachen, obwohl es nach meiner Erfahrung doch eher darauf ankommt, von wem und wie einem das gesagt wird. Wahrscheinlich hat Christian auch nie das wunderbare Lied vom "Franz" gehört und wie André Heller es hinausschreit: "geh net weg, heast, i brauch di, ich liebe dich du Trottel, ich liebe dich, Franz!"

... Der Leichte, Bewegliche suchte, nicht nur als Bereicherung sondern wie eine Rettung, die Nähe von Männern, die ihm "geerdet" erschienen - er verwendete ein anderes, weniger abgenutztes Wort, an das ich mich aber nicht mehr erinnere.
"Das klingt ja so als wärst du ein Luftballon, der weg fliegt, wenn nicht einer die Strippe fest hält!" sagte ich. Und fügte, jugendweise, hinzu: "Ich glaube, du suchst in diesem Anderen das Stabile das du eigentlich werden möchtest und solltest und - schau, es reimt sich sogar - könntest wenn du wolltest!" (Neben Marx und Mao hatten wir natürlich auch Freud, Reich, sogar Jung gelesen und schon die neuen "Finde dich selbst"- Ratgeber mit ihren befremdlichen Amalgamen aus Psychologie und Esoterik.)
Christians Sehnsucht nach erdigen Männern konnte ich nicht nachempfinden und habe dann diskret das Thema gewechselt. Später habe ich verstanden, dass mir nur das Objekt fremd war, nicht die Irrationalität solchen Strebens. Wenn man beispielsweise neidvoll fasziniert ist von Künstlerfreunden, die, anders als man selbst, dem Kompass ihrer Kreativität folgen, ohne hemmende Rücksicht auf echte oder vermeintliche soziale Verpflichtungen, auch auf Kosten von Freundschaften.

...Acht Jahre alt war Christian beim deutschen Überfall auf Polen, 14 bei Ende des Krieges, also fast noch der "Flakhelfer"-Generation zugehörig. Erinnerungen an diese Zeit kamen, nicht untypisch für die 68ger, auch bei unseren privaten Plaudereien nicht zur Sprache. Wie sollten sie das auch - wenn sie keinem willkommen ist, bewegt sich eine Erinnerung nicht von selbst aufs Wort zu und kommt dort an. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass einer von uns Studenten ihn einmal gefragt hat: wie, einem halben Kind noch, ist es dir damals ergangen?

... Ich vermute, es geht jedem Doktoranden so, der nach erfolgreichem Abschluss der Promotion auf berufliche Wege gerät, die weit weg von akademischer Forschung und Lehre führen: der Doktorvater rutscht ihm erst mal aus dem Gesichtsfeld. Er bleibt zurück auf einer Insel der Exklusivität, während man selbst in seinem Job das Alphabet neu lernen muss.
Ich war schon einige Jahre beim Bayerischen Rundfunk beschäftigt und Christian schon ordentlicher Professor, als ich ihn wieder einmal anrief, wegen einer Auskunft für eine Literatursendung. Die Besprechung in seiner Wohnung dauerte nicht lange, der Abend samt einem Essen im "Gattopardo" dafür um so länger.
"Komm wieder," sagte er, " ich würd mich freuen."
Nach einer etwas steifen Geburtstagsfeier - auch der bekanntere Bruder war dabei - beschloss ich, nicht mehr anzurufen. Ich dachte, so einem gescheiten Menschen kann es doch nicht viel bedeuten, sich mit einer Person zu unterhalten, die gerade mühsam versucht, noch etwas Kreativität in ihren Brotjob als Redakteurin zu retten. Es kann ihm auch nicht viel bedeuten, wenn ehemalige Studenten ihm erzählen, dass sie was gelernt haben bei ihm, dass er "etwas gegeben hat", man scheute sich ja in seiner Gegenwart solche Worte in den Mund zu nehmen.
Seit ich selbst draußen bin, und mich freue, wenn junge ehemalige Kollegen mir genau solches sagen, sehe ich das wieder anders, und denke mit Bedauern, ich hätte doch... on the river of no return.

... Als ich ihn zum letzten Mal besuchte, erzählte mir Christian, er gehe jetzt gerne an der Isar spazieren, denn die Steine dort würden mit ihm reden.
Ich: ( zustimmend)
"Jaja, dieses Alter, dieser Werdegang seit Urzeiten, man kann sich vorstellen, sie müssten mit Geschichten quasi aufgeladen sein, aber eigentlich Geschichten von unvorstellbarer Langsamkeit, ja vielleicht sogar lang-weilige Geschichten, wie soll ich sagen, un-menschliche..."
Er: ( freundlich wie zu einem begriffsstutzigen Schüler)
"Nein, das mein ich nicht. Weißt du, die reden mich direkt an. Und man kann sie auch was fragen, und sie antworten. Und sie sprechen Dialekt, Bairisch nämlich."
Ich: ( etwas irritiert aber heiter)
"Klar, was denn sonst, sind ja Isarkiesel, die müssen schon bairisch reden. Obwohl: wenn es sie von weiter her angeschwemmt hat, doch eher österreichisch?"
Als er dann erzählte, er sammle gerade Material für ein neues Buch, eine Art erlebter Naturgeschichte, konnte ich die Mitteilung beruhigt einsortieren - starke Metaphern, Fantasiearbeit.

... Sehr viel später lese ich das aus hinterlassenen Notizen zusammen gestellte Buch" Nicht Eins und Doch" und es geht mir wie dem Rezensenten der FAZ: "Es bleibt trotz aller Mühe seinerseits ( des Autors) und meinerseits unklar."
Da helfen auch die geistreichen Deutungshilfen in Vorwort und Nachwort nicht weiter. Da schreibt einer, hässliche Vermutungen im Vorfeld abschmetternd:
"Hier lallt kein Zungenredner, hier schwärmt kein Besoffener. Es ist im Gegenteil fast so als ob Christian Enzensberger die denkbar nüchternste Methode gewählt hätte, um....ein Höchstmaß an Reflexion zu gewährleisten. Beobachtungen und Einfälle werden zunächst auf "Denkzetteln" vermerkt. Aus diesen Aufzeichnungen gewinnt er Sätze, die fein säuberlich auf Bögen übertragen werden. Jeder Satz erhält eine vierstellige Kennziffer, nach welcher er ergänzt, variiert und mit anderen kombiniert werden kann..."
Doch akribisches Sammeln von Details und Entwerfen von Ordnungssystemen ist leider kein untrüglicher Beweis für ein Höchstmaß an Reflexion. Man kann mit der gleichen Arbeitmethode aus seinem Material auch abstruse Welterklärungen und Universalmaschinen zusammen basteln, ähnlich manchen Werken schizophrener Künstler.

... Selbstkritisch muss ich mich heute fragen: war damals wirklich nur übertriebene Bescheidenheit vor dem Gescheiten, Gelehrten einziger Anlass für meinen Rückzug?
Nicht auch eine aufkommende Fremdheit, das Unheimliche, wenn ein vertrauter Gesprächspartners sich zum geschwätzigen Mystiker zu wandeln droht?
Wenngleich es klar war, dass seine Suche weder mit Religion noch mit Esoterik bekannter Art viel zu tun hatte. Der moderne zeitschlüpfrige Esoteriker braucht, um sich seiner Exklusivität zu vergewissern, die Geselligkeit Gleichartiger. Er tummelt sich auf Eso-Messen, Shiatsu-Workshops, Rebirthing-Seminaren - einen wie Christian, den Steineflüsterer, findet man dort nicht.
Aber wo denn dann?
In der dritten Person schreibt er über seine erste "Anrufung" durch die Steine:
"...er hat aber auch nicht gedacht, was nahe gelegen hätte, "jetzt bin ich verrückt," sondern vielmehr "ich bin woanders"; dann ist ihm eingefallen, dass ver-rückt ja gar nichts anderes heißt".

... Aber wie schaut es aus in diesem Woanders, wo ist das Woanders, gibt es eine Straße, Gasse, Tür dorthin auch für Besucher?
Ich habe ihn leider nicht gefunden, den Zugang zu deinem ganz eigenen Christianiversum, alter Begleiter und - absichtslos - auch Führer auf einem Stück Weg.


... Ich glaube, ich habe dich immer wahrgenommen als ein Wesen von nicht ganz humanoider Stofflichkeit, etwas Elbisches - nein, lieber Christian, Wortabmesser, Sprachfühler, das nehme ich zurück, das klingt zu viktorianisch, nach Richard Dadd oder schlimmer noch, Tolkien.
Ein paar Tage nachdem ich das gerade geschrieben habe, finde ich beim Wiederlesen im "Größeren Versuch" eine Passage:
"Ich hinterließ keinerlei Spur. Ich bestand aus bedeutender aber wenig dichter Materie. Luftschichten durchzogen mich ohne Behinderung..."
Christian, Person aus wenig dichter aber bedeutender Materie, ich glaube auch, du hast durchaus Spuren hinterlassen. Von anderen weiß ich nicht, bin aber sicher, es gibt sie - bei mir bist du, Luftiger, haften geblieben als einer, den ich nie ganz verstanden habe, der dennoch in der Erinnerung leuchtet.


An dieser Stelle Dank auch dem Freund, der nach der dritten Christian-Erwähnung bat: "Schreib`s auf für mich."

___________________md 5/2016

( Kein Inhalt )
Für eine Lesung habe ich einmal Texte über Kleider, Bekleidung und ihrer persönliche und soziale Bedeutung gesammelt. Was dann Lust machte, selbst darüber zu schreiben:
Ein Sommerkleid aus Amerika

Material vermutlich Kunstseide, schwarz mit unterschiedlich großen, kreisrunden Tupfen in verschiedenen leuchtenden Farben. Ärmelloses Oberteil in Wickeloptik; an den Schultern, durch kleine Polster betont, fällt der Stoff überschnitten. Der Rock in Glockenform schwingend. Dazu ein roter Gürtel und passende hochhackige Sandaletten aus handschuhweichem Leder, das wie Stoff gefaltet verarbeitet ist.

Das Kleid samt Zubehör befand sich in einem der Pakete, die eine in die USA ausgewanderte Großtante regelmäßig an meine Mutter und Großmutter schickte. Gleich nach dem Krieg hatten die Sendungen auch Kaffee und Süßigkeiten, dann Babynahrung für mich enthalten, später gab es nur noch die abgelegten Kleider, Schals, Hüte und Handtaschen der Großtante und der reichen Dame in L.A., für die sie als Haushälterin arbeitete. Trotzdem half ich jedes Mal gierig beim Auspacken und saß am Ende atemlos in einem Zauberkreis von fröhlich Farbigem, exotisch Geformtem, mit Pailletten Besticktem, mit Federn Kitzelndem, gestärkt Raschelndem, elektrisch Knisterndem, nach puderigem Parfüm Duftendem.
"Scho wieder so a Glump!" murrte meine Großmutter enttäuscht. Es gelang ihr aber immer wieder, nach Entfernen von allem Glänzenden und durch geschicktes Umnähen daraus Kleidung zu machen, die in unserer biederen Stadt nicht zu sehr auffiel.
An dem Tupfenkleid wurde nur der Ausschnitt etwas dezenter gerafft. Ich war begeistert, wenn meine Mutter es zusammen mit den roten Schuhen trug, ich erinnere mich aber auch daran, dass sie nicht wirklich glücklich darin aussah. Sie hätte lieber etwas weniger Wunderbares, dafür von ihr selbst Gewähltes am Leib gehabt.


Umgenähtes
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Ein Trägerrock aus dunkelblauem schwerem Taft, die Träger so breit, dass sie zusammen mit dem Querband fast ein geschlossenes Oberteil bilden. Die Schlichtheit des Schnitts, für ein etwa siebenjähriges Mädchen, steht im Kontrast zu dem festlich wirkenden Material. Dazu eine Bluse mit Puffärmeln und großem rundem Kragen, aus einem hellen Organzastoff, in dem Blumen und exotische Früchte, farbig und leicht plastisch hervortretend, eingewebt sind.

Am Morgen, als ich diese neuesten Ergebnisse der Umschneiderei meiner Großmutter anzog und in die Schule ging, fühlte ich mich darin großartig. Das Gefühl schwand schnell unter den abschätzigen Blicken der Mitschülerinnen. „Ja da schau her, die Prinzessin!“ schrie in der Pause ein Junge aus der Klasse unter mir. Das war aber überhaupt nicht nett gemeint, denn als ich ihm den Rücken zu kehrte, warf er einen großen Batzen Dreck, der Rock und Bluse gleichzeitig traf. Ich rannte ihm nach, um ihn dafür zu watschen, hatte ihn schon fast erwischt, da fiel mir ein, dass in dem folgenden Handgemenge das Gewand noch schmutziger, vielleicht sogar zerrissen würde, und die Oma jammerte schon genug.
Ich beließ es bei einem Fußtritt, der wegen der Laufgeschwindigkeit nicht einmal ordentlich schmerzhaft platziert werden konnte, und zog mich in die andere Ecke des Pausenhofs zurück. „Huhu, Prinzessin!“ höhnte es aus der Ferne. „Ja, und gerade mit Fleiß!“ sagte ich zu mir und strich den blauen Taft glatt.


Sicherheiten

Ein hautfarbener Taillenschlüpfer aus kochfester Baumwolle, äußerlich unauffällig, aber mit spezieller Zurüstung für Regelblutungen: ein Gummieinsatz im Schritt, an dessen Rand sich vorne und hinten jeweils ein Metallring befindet, zum Befestigen der Damenbinden, die damals noch an beiden Enden in kurze Bänder aus Zellstoff auslaufen.

Meine Mutter hatte dieses Stück für mich in dreifacher Ausfertigung zum gesicherten Eintritt ins Frauenleben besorgt. In den kommenden Jahren verbesserten sich die Hilfsmittel zur Monatshygiene erfreulicherweise so schnell, dass auf diese windelhosenähnlichen Wäscheteile verzichtet werden konnte.
Ähnliches sah ich, mit dem gleichen Unbehagen wie damals, erst viel später wieder in einem Sanitätshaus, als Schutz gegen Blaseninkontinenz. Meine Mutter hasste es, diese Schlüpfer selbst zu kaufen, ich tat es für sie und unseren privaten Generationenvertrag.


Kühner Kauf

Eine lange schwarze Knabenhose aus feinem Wollstoff, ohne Bundfalten, gerade geschnittenes Bein, kein Umschlag.

Das Besondere an dieser Hose war der Reißverschluss in Frontmitte. Die Damenhosen zu Beginn meiner Teenagerzeit waren seitlich zu öffnen, in der Taille zwar schmal, aber am Gesäß oft beutelartig geschnitten. Die Herrenhosen dagegen saßen eng und tiefer auf der Hüfte. Meine damals beste Freundin zog damit bewundernde Blicke auf sich und nahm mich, da ich, Peinlichkeiten befürchtend, es alleine nicht wagte, kurz entschlossen zum Hosenkauf mit.
Mit der natürlichen Sicherheit einer Herkunft aus bester Familie betrat sie das örtliche Traditionsgeschäft für Herrenausstattung, das ganz in dunklem, poliertem Holz eingerichtet war, durchtränkt von Seriosität wie vom Aroma teurer Zigarren, und sie verlangte mit heller Stimme, eine ordentliche Auswahl von Stücken in passender Größe gezeigt zu bekommen. Zwei junge und ein älterer Verkäufer fanden sich zu einem Ballett der Dienstbeflissenheit zusammen, gesteuert von erotischen Unterströmungen, denn die Selbstsichere war von ungewöhnlicher Schönheit, wusste das auch sehr wohl, und beglückte die eifrigen Angestellten mit charmant herablassendem Geplauder. Ich brauchte gar nichts zu sagen, bekam aber trotzdem genau die Hosen, die ich mir immer gewünscht hatte.
Anstatt jedoch freudig dankbar zu sein, rief ich längere Zeit nicht mehr bei ihr an, ließ mich sogar von meiner Mutter am Telefon verleugnen. Es schien mir nötig, auf diese Weise meine Unabhängigkeit von der Schönen zu zeigen. Bald darauf wurden Damenhosen mit Vorderreißverschluss und schlankem Schnitt in den neu entstehenden Boutiquen und sogar in Kaufhäusern angeboten, sodass ich wenigstens dafür nicht mehr auf selbstsichere Begleitung angewiesen war.
Mittlerweile finde ich auf der Hüfte sitzende Hosen unbequem, und ich würde, nach vergeblicher Suche bei den kleinen Größen, den jungen Verkäuferinnen gerne sagen, dass nicht jede Trägerin von „Small“ auch automatisch jede Teenagermode mitmachen will. Es kommt nur leider selten eine von ihnen bis in Ansprechnähe.


Zwei schwarze Damenjacken

Die eine aus Baumwollcrepe, ungefüttert, hüftlang, aber stark tailliert, kragenlos, die Stoffränder über der Brust nicht gerade, sondern in Wellenform geschnitten und gesäumt. Tief, fast in Taillenhöhe erst drei facettierte Glasknöpfe mit Schlingen. Die Ärmel weit, am Handgelenk mit einem schmalen Bündchen zusammengefasst. Im unteren Drittel des Ärmels jeweils ein breiter Einsatz eines ebenfalls schwarzen, aber spitzenähnlich durchbrochenen Stoffs. Weniger Jacke als Schmuckstück, unter das außer engen T-Shirts, Corsagen, Tops kaum etwas passt.
Die andere aus weichem Nickistoff, ebenfalls ungefüttert, leicht tailliert, ansonsten in klassischer Blazerform mit breitem Revers geschnitten. Mit drei Kunststoffknöpfen zu schließen.


Die Nickijacke gehörte mir, und gleich nach dem Kauf ersetzte ich die Plastikknöpfe durch drei kleine Bakelit-Kunstwerke in Bernsteinfarben, die meine Mutter von einem Bolero ihrer amerikanischen Tante abgeschnitten hatte.
Die Spitzenjacke gehörte einer Schulkameradin, mit der mich ein paar Jahre lang die Fiktion verband, wir seien gute Freundinnen oder könnten es trotz aller Auseinandersetzungen einmal werden. Wir hatten beide wenig Geld für Mode, gaben es lieber für neue Bücher und Schallplatten aus, die wir uns gegenseitig ebenso großzügig zur Nutzung überließen wie einzelne Kleidungsstücke. Theoretisch sollte das auch für Männer gelten.
Doch als ich eines Abends in einem Stammlokal, geschmückt mit der Spitzenjacke, auf die schon stark angetrunkene Leihpartnerin traf, beschimpfte sie mich lauthals, ich würde mich nicht nur ständig an ihrer Garderobe, sondern auch an ihren Liebhabern vergreifen. Das war nun blanker Unsinn - wenn überhaupt, wäre ich eher an ihr selbst, damals noch eine aparte Erscheinung mit hohen Wangenknochen und lackschwarzer Garçonne-Frisur, interessiert gewesen, und ich hatte zwar wenig Skrupel, aber bei Männern einen völlig anderen Geschmack als sie.
Wenn die Aparte jedoch mehr als vier Schoppen intus hatte, war mit ihr nicht mehr zu argumentieren. Ich erinnerte sie nur daran, dass sie seit über zwei Monaten meine schwarze Nicki-Jacke in Gebrauch habe, und rettete den Abend für mich, indem ich in das andere Stammlokal wechselte.
Am Nachmittag des folgenden Tages rief sie mich an und gestand mir, dass sie gestern Nacht die geliehene Jacke in einem Wutanfall in die Mülltonne geworfen habe, und die sei schon geleert worden, aber sie würde mir dafür ihre edle Spitzenjacke schenken. Das war im Prinzip kein schlechter Tausch, leid tat es mir nur um die schönen Bakelit-Knöpfe. Außerdem fand ich, es bedeutete keinen besonderen Verzicht für die Besitzerin, denn sie begann bereits zuzunehmen und hätte in das körpernahe Stück ohnehin nicht mehr hineingepasst.
Auch ich hatte nicht lange Freude daran, obwohl ich nicht zunahm. Vom regelmäßigen Schwimmen im Hallenbad bekam ich eine kräftige Rückenmuskulatur, und als ich ein Jahr später eine Reisetasche ins Gepäcknetz stemmte, riss der Stoff an den Schultern mit einem hässlichen Geräusch über zwanzig Zentimeter Breite.
Diese Art von Kleidungsstücken war nicht dazu gedacht, dass die Trägerin irgendetwas stemmen sollte. Das wäre die Aufgabe des Mannes an ihrer Seite gewesen, aber da gab es im Augenblick keinen passenden auszuleihen.


Die Bluse, die sich in einen Koffer verwandelte

Eine Bluse aus Seidenmoiré ( lexikalisch: ripsbindiges Gewebe mit schillernden Glanzfiguren auf der Oberseite), die Farbe ein gedämpftes, auch Mauve genanntes Rosa. Dreiviertelärmel mit breiten Stulpen, langgezogener Kragen mit tiefem Ausschnitt, drei mit Blusenstoff überzogene Knöpfe. Kurz, tailliert, über Röcke und Hosen zu tragen, nur chemisch zu reinigen.

Wir - d.h. eine befreundete Journalistin, zur Probezeit bei einer großen Firma in London, und ich, Doktorarbeit über britische Literaturzeitschriften - hatten nach dem Austausch von Erfahrungen mit bed & breakfast („Bohnen in Tomatensoße zum Frühstück!!“) beschlossen, für ein Jahr zusammen eine möblierte Wohnung zu mieten.
Dieser Luxus verschlang jeden Monat mehr als die Hälfte unserer Stipendien. Die Journalistin sorgte dafür, dass dennoch gelegentlich Krabbencocktail und französischer Käse auf unseren Abendbrottisch kamen, indem sie bei ihren Besuchen im Lieblingskaufhaus Ihrer Majestät nur das bezahlte, was nicht unauffällig in Mantel- und Einkaufstaschen verschwinden konnte.
Mein Lieblingskaufhaus lag in der Nähe einer Umsteigestation zur British Library. Es folgte offensichtlich dem Konzept, den Kaufvorgang quasi zur zweitrangigen Folgeerscheinung einer ästhetischen Überwältigung werden zu lassen. Die Einrichtung war ganz in Schwarz und Silber gehalten, das Warenangebot zu einer Vielzahl farblich abgestimmter Stillleben komponiert. Der Kunde konnte allerdings auch Skrupel bekommen, den Kunstwerkscharakter dieser Arrangements durch Entnahme von Einzelstücken zum Zwecke näherer Begutachtung oder gar Kauf zu zerstören.
Vom Personal hatte er dabei keine Hilfe zu erwarten, denn die in der Mehrzahl selbst zu Kunstwerken gestalteten jungen Leute hielten sich dezent im Hintergrund, plauderten miteinander oder schauten einfach intensiv abwesend.
Dieses Kaufhaus hatte zwar keine Feinkostabteilung, aber schwarzsilberne Kosmetikutensilien und Schreibwaren, exotische Tücher und gemusterte Strumpfhosen brachten ebenfalls Glanz in unseren Stipendiatenalltag. Nachdem ich bereits ein Vierteljahr die Gepflogenheiten in diesem Warenerlebnispark zu unserem gemeinsamen Nutzen studiert hatte, gestattete ich mir zu meinem Geburtstag die Mitnahme der Bluse aus rosafarbenem Moiréstoff. Noch am selben Abend rutschte mir bei einer Feier mit Freunden etwas Krabbencocktail von der Gabel auf das neue Stück.
Zurück von der Reinigung bekam ich es als fleckig entfärbten Lappen, zusammen mit einem Schreiben, dass die traditionsreiche und anerkannte Firma trotz fachmännischer Behandlung und größter Sorgfalt kein besseres Ergebnis habe erzielen können. Mit Blusenrest und Schriftstück wurde ich bei den Schwarz-Silbernen vorstellig und erhielt dort zu meinem Erstaunen anstandslos, auch ohne Kassenzettel, einen Warengutschein.
Kaum zwei Jahre später meldete das Kaufhaus Konkurs an. Ob daran auch die Arglosigkeit des Personals gegenüber dreisten Kunden eine Mitschuld trug, ist mir nicht bekannt. Eine weitere Pointe hat die Geschichte nicht. Der mit Jeansstoff bezogene Koffer, den ich mir für den Warengutschein geben ließ, war von ordentlicher Qualität, diente lange Jahre als Reisebegleiter, später zur Aufbewahrung von gerade nicht gebrauchten Kleidungsstücken auf dem Dachboden.


Zwei „Kleine Schwarze“

Das eine aus Seidensatin, das Oberteil ganz körpernah, Andeutung eines Kelchkragens und ein steiler, sehr tiefer Ausschnitt. Die langen Ärmel eng, über dem Handrücken spitz zulaufend. Der Rock unter der kurzen Taille vorne gerade fallend, zwei Handbreit oberhalb der Fußknöchel endend. Hinten ist der Stoff in der Mitte etwas gerafft und länger, sodaß die Andeutung einer Schleppe entsteht. Als Einstiegshilfe nicht, wie zu erwarten, ein langer Reißverschluss im Rücken, nur ein kurzer an der Seite.
Das andere aus Wollcrêpe, vermutlich noch original aus den Dreißigern, knapp kniebedeckend, typisch ohne sichtbare Taille, mit zwei unterschiedlich langen Stofflagen. Die obere, kürzere, ist, wie der Rand der kleinen Ärmel, Ton in Ton bestickt mit den dreieckigen und halbkreisförmigen Ornamenten, die auch im Schmuck der Zeit erscheinen. Man kann sich vorstellen, es mit einer langen Kunstperlenkette zu tragen und Charleston zu tanzen.


Das schwarze Seidenkleid hatte ich in einem Trödelladen erworben, wo die Inhaberin immer am Donnerstagnachmittag die Beute ihrer Großeinkäufe direkt aus den Säcken auf den Fußboden leerte und den kühn Zugreifenden zu besonders günstigen Preisen überließ. Das Bügeln des gewaschenen Kleides, wenn es allmählich die Raffinesse seines Schnitts enthüllte, glich jedes Mal einem Schöpfungsakt.
Ein von mir verehrter Mann wünschte sich, ich solle dieses besondere Schwarze immer abends bei Besuchen in seiner Stammkneipe tragen, denn ich sähe darin aus wie Morticia Addams. Leider hatte sein Entzücken keine weiteren Folgen. Ein anderer Mann verfluchte das Kleid, weil der Reißverschluss klemmte, als er ungeduldig daran zerrte.
Eine solche Robe, die man nicht einfach anzieht, mit der man sich vielmehr für einen Auftritt vorbereitet, erwies sich als ideal für die Bühnenpräsentation im Kabarett, als Überhöhung des „Kleinen Schwarzen“. Da meine Freundin erstmals in dem kultursatirischen Programm mitspielte und aus ihrer brauchtumsbegeisterten Vergangenheit zwar ein unverwüstliches Trachtenkostüm, aber kein schwarzes Cocktailkleid aufbewahrt hatte, suchte und fand ich schon am zweiten Donnerstagnachmittag das passende Stück, das Schwarze aus Wollcrêpe, ideal für eine Frau mit wenig Taille, aber langen schlanken Beinen. Ich hätte mir gewünscht, dass sie diese in den zu dem Kleid passenden, dicht gewirkten Seidenstrümpfen mit Naht und Spangenpumps zeigen sollte - sie besaß sogar ein Originalpaar in cremefarbenem Leder von ihrer Großmutter. Aber sie überzeugte mich, dass solches Schuhwerk auf einer winzigen Bühne mit tückischen Stufen, und bei Auftritten u.a. auf Kisten und Leitern stehend, zu gefährlich wäre.
Wir einigten uns auf eine gemeinsame Bühnentracht mit grauen Strumpfhosen und weißen Stoff-Turnschuhen. Diese Kombination mit den feinen schwarzen Gewändern wurde damals noch als besonderer Gag wahrgenommen.
Noch während der Wiederaufnahme des erfolgreichen Programms bekam das museale Wollcrêpekleid irreparable Risse. Das Seidensatinkleid erwies sich als robuster, aber da ich die klaustrophobischen Empfindungen beim An- und Ablegen dieser Körperhülle immer weniger ertragen konnte, verschenkte ich es nach Beendigung der Spielzeit.


Zurüstungen

Ein lachsfarbener Strumpfhalter, ohne Häkchenverschluss, rundum voll elastisch durch gekräuselte Kunstfaser auf Gummifäden.

Da ich satinversteifte, stäbchenverstärkte, häkchenverschließbare Hüftgürtel strikt ablehnte, brachte mir meine Mutter diese angenehmes Tragegefühl verheißende Wäscheneuheit mit, in der Hoffnung, mich damit von den elastischen Strumpfbändern abzubringen. Diese fand sie wiederum schädlich für die Blutzirkulation, aber auch (das gestand sie allerdings erst viel später) irgendwie unpassend für ihre minderjährige Tochter.
Die Neuheit blieb weitgehend ungenutzt, da im gleichen Jahr die ersten Strumpfhosen auf den Markt kamen. Als Folge davon erlebte die Miederwarenbranche eine Krise, und ihre Produktpalette eine Polarisierung: das Lachsfarbene, Verstärkte zum Befestigen von Strümpfen kauften nur noch ältere übergewichtige Damen; spitzengeschmückte Strapsgürtel in Rot und Schwarz sanken vorübergehend in den Schmuddelbereich des Spezialversands ab. Doch später eroberten sie ihren Platz auch in seriösen Wäschegeschäften zurück, jetzt als selbstverständliches Rüstzeug erotisch emanzipierter Frauen.
Ob denn die neuen Spitzenteile sich angenehmer trügen als die alten Bauchkneifer, fragte ich eine erotisch ziemlich emanzipierte Freundin. Natürlich nicht, lautete die Antwort, aber man lege sie ja auch nicht an, um einen gemütlichen Abend zu verbringen. Ich blieb bei den Strumpfhosen. Bestätigung bekam ich durch einen in Freundschaft bewältigten Ex-Mann, der meinte, ein fades Theaterstück sei noch nie allein durch die Kostüme gerettet worden. Er bezog sich damit auf die vergeblichen Bemühungen einer späteren Ex, mit Körperinszenierungen das erloschene Feuer wieder zu entzünden.
Die Ehrlichkeit der befreundeten Frauen meines Alters vermisse ich bei der jüngeren Generation. Da erzählt man mir beispielsweise, die neue und unappetitliche Variante von Reizwäsche, bei der ein Textilband in der sensiblen und schweißintensiven Anusregion reibt, werde vor allem aus ästhetischen Gründen unter heller, eng anliegender Kleidung getragen. Allerdings hatte ich früher auch Leute über vierzig für zu entfernt vom Leben gehalten, um mit ihnen Klartext zu reden.


Veränderung und Dauer

Ein Unterrock, knielang, leicht ausgestellt geschnitten, aus feinem, aber nicht durchsichtigem Leinen. Die breiten Träger und der viereckige Ausschnitt spitzenumsäumt, zusätzlich mit Lochstickerei verziert, auf der Brust ein Monogramm M.R.

Diese billig auf dem Flohmarkt erworbene Weißwäsche trug ich mit dem von einer Freundin aus der Frauenbewegung bestickten Gürtel als Sommerkleid; zwei Jahre lang, weil ich mir kein anderes leisten konnte, im dritten Jahr, um zu demonstrieren, dass auch eine vorübergehende Festanstellung meine Persönlichkeit nicht ändern würde.
Eine eventuelle Beschwerde wollte ich mit der Frage kontern, wieso unser Verlag sich seiner schockierenden Autoren rühme, seinen Lektoren jedoch einen konservativen Dresscode vorschreibe. Es beschwerte sich aber niemand. Ein zu Anfang sehr geschätzter Kollege meinte charmant, in diesem Unterkleid erinnere ich ihn an eine Figur von Tschechow.
Die frauenbewegte Freundin verschwand in den folgenden Monaten aus meinem Blickfeld in die Eso-Szene, wo sie, obwohl promovierte Theaterwissenschaftlerin, astrologisch-psycholgische sowie Unternehmensberatungen betrieb. Meine hohe Meinung von dem Kollegen schrumpfte ebenfalls ziemlich schnell. Der kochfeste Unterrock, mittlerweile zum Nachthemd umgewidmet, überdauerte dagegen ein weiteres Jahrzehnt des Gebrauchs.


Ein Projekt

Ein schwarzes Kleid von ganz ähnlichem Schnitt wie das getupfte aus Amerika. Das Besondere ist das Material: echter Seidensamt, eine Rarität unter den Stoffen, mit einmalig weichem Fall. Auf einer Seite von der Schulter abwärts bis etwa zur Brustmitte mit schwarzen Pailletten bestickt, in Form einer Blüte in auslaufendem Rankenwerk.

Das Seidensamtene hatte ich in den USA in einem „Vintage“-Laden auf Miami Beach gekauft, der voll gestopft war mit dem ganzen Glitzerplunder, wie ich ihn aus den Paketen meiner amerikanischen Großtante kennen gelernt hatte.
Jetzt war es das letzte von meinen vier "historischen" Kleidern, in verschiedenen Farben und aus verschiedenen Stoffen, aber alle geschneidert für Frauen, die zwischen 1930 und 1940 ziemlich jung, schlank und nicht allzu arm waren.
Die drei anderen hatte ich bereits im Lauf der vergangenen zehn Jahre an eine jüngere Kollegin mit mädchenhafter Ausstrahlung verschenkt. Ich hätte ihr durchaus auch das vierte gegönnt, nur war die Mädchenhafte jetzt auch schon gut über Dreißig und hatte kürzlich ihre wallenden Locken zu einer gestylten Kurzhaarfrisur stutzen lassen.
Die Mädchen der Töchtergeneration hatten einen völlig anderen Geschmack, die Verwandten der Putzfrau aus Osteuropa erwarteten brauchbare modische Alltagsbekleidung - also Flohmarkt? Aber wann? Oder gleich Müllsack?
Endlich unvermutete Entscheidungshilfe aus der Erinnerung: „In zehn Jahren gründe ich ein Seniorenkabarett, mach dir ruhig jetzt schon mal Gedanken, ich rechne mit dir.“ Die Worte einer alten Freundin, Schauspielerin an einem von der Schließung bedrohten Landestheater. In dem gleichen Telefongespräch hatte sie auch erklärt, Rente mit 65 sei für sie kein Thema, da sie sowieso nicht davon leben könne und bis zum Ende ihrer Tage arbeiten würde.
Das war mein erster konkreter Gedanke zu ihrem Projekt: Vielleicht müsste ich darin einmal die Rolle einer Frau spielen, die nicht Abschied von ihrer Jugend nehmen kann, und dafür wäre dieses Seidensamtene genau das richtige Kostüm. Ich streichelte es kurz und hängte es zurück in den Schrank.


Auch Leni

Zwei Jacken, grob gestrickt aus dickem Garn, 80% Wolle, 20% Polyamid. Beide kurz, körpernah gearbeitet, keine Taschen. Zwei-Wege-Reißverschluss, die Ärmel sind ohne Schulternaht angestrickt, gehen in Halsnähe direkt in einen Kelchkragen über. Die weinrote Jacke ist in Brust- und Schulterhöhe mit weißen Schneekristallen bestickt, bei der schwarzen ist längs des Reißverschlusses auf beiden Seiten eine weiße schmale Strickborte in einem ebenso archaisch wie dekorativ verschlungenen Muster aufgenäht.

Die Jacken waren reduziert, ich bekam zwei zum Preis von einer, aber auch das rechtfertigte nicht hinreichend den Verstoß gegen meine Gewohnheit, nur noch feinste Materialien in bequemen klassischen Schnitten zu kaufen. Sie stammten von einer Firma, die den Namen einer Bergsteigerlegende führt und sich auch der Stilvorbilder aus Heimatfilmen der Dreißiger bedient.
Wenn sie Klamotten wie Leni Riefenstahl trägt, gerät eine Person mit meiner Vergangenheit offenbar immer noch unter Rechtfertigungsdruck, muss fix ihre Haltung zu der Regisseurin von „Triumph des Willens“ definieren. Ich bin bereit, zuzugeben, dass mich trotz aller korrekten Abgrenzung die ungebrochene Vitalität und Neugierde des alten Luders immer beeindruckt hat - Tauchen lernen mit 80!
Jedoch erkannten meine jungen Kolleginnen gar nicht das historische Mode-Zitat, und niemand sagte Leni zu mir.


Aufschreiben

Zwei Hemdhöschen, beide aus feinster weißer Baumwolle, schmale Träger, in der Taille mit einem Tunneldurchzug für ein Bindeband. Im Schritt ein eingesetzter Zwickel, mit drei Wäscheknöpfen zu schließen. Der Ausschnitt aufwändig weiß in weiß bestickt, einmal eine üppige Blatt- und Blütenranke, einmal eine Reihe von Streublümchen, dazwischen zwei kunstvoll in ihrer Verknotung dargestellte Schleifen. Teile dieser Motive wiederholen sich an den Seiten des äußeren Beinabschlusses. Beide Stücke scheinen individuell gearbeitet und verziert.

Sie gehörten der Großmutter meiner Freundin, und sie hält es für denkbar, dass die Oma, eine geschickte Hausfrau der alten Schule, sie selbst für die Aussteuer gefertigt hat. Wir finden sie bei folgendem Anlass wieder: Das Hausdach wird neu gedeckt und danach werden wir aus Feuerschutzgründen unsere großen Speicherabteile verlieren. Also müssen acht Koffer voll mit Kleidern, Pelzjacken, Unterröcken, Hüten, Trachtenteilen, Lärminstrumenten, Faschingsdekorationen gesichtet werden. Jedes Stück, für das uns nicht innerhalb von 30 Sekunden eine Verwendung im künftigen Seniorenkabarett einfällt, wandert in einen Müllsack.
Auf einem alten Foto ist die junge Großmutter, schön, ernst und stolz, im Kostüm einer Spanierin zu sehen, und auch die Dimensionen der Wäschestücke lassen auf eine zwar noch nicht üppige, aber durchaus stattliche Erscheinung schließen. Das Stück mit den aufgestickten Schleifen wird in Brusthöhe von einem bläulichen Fleck verunziert, der offensichtlich allen Waschversuchen widerstanden hat, wie es bei manchen Medizinen, aber auch Rotwein der Fall ist. Ein Missgeschick beim Einnehmen eines korrekten Schlummertrunks, oder beim Leeren eines Gläschens in dekorativer, aber nicht ganz korrekter Bekleidung? Der Großvater, erinnert sich meine Freundin, war ein Bewunderer von Schönheit und nannte seine Gattin „mein Glück“.
Im Schritt des Stücks mit der Blatt-und Blütenranke ist, stark ausgewaschen, aber immer noch erkennbar, eine Spur von Blut. „Kulturgeschichte“, sagt meine Freundin, “wir vernichten Kulturgeschichte des Alltags.“ Ich verspreche, wenigstens einige der Kleidergeschichten, die an diesem Abend erinnert wurden, aufzuschreiben. Meine Freundin haucht einen Kuss auf die Wäschestücke der Oma selig, und nach dieser Verabschiedung verschwinden sie endgültig in dem schon fast vollen blauen Sack.


Zeitlos

Eine Steppjacke, moosgrün, gerader Schnitt, hüftbedeckend, Druckknöpfe aus Metall. Bis auf den Baumwollcordbelag am Kragen vollsynthetisches Material, maschinenwaschbar. Zwei große Außentaschen, eine Innentasche.
Ein Hut, Marke Stetson, haselnussbrauner Filz, klassische Herrenhutform, erdfarbenes Wildlederband mit einem kleinen Gesteck aus Häherfedern. Wasserabweisend ausgerüstet.

Die Jacke habe ich bei einem britischen Versandhaus bestellt, das Spezialitäten von der Insel vertreibt und in seiner Bekleidungssparte einen konservativ-sportlichen Stil pflegt.
Meine Freundin schenkt mir den Hut dazu. Ich bin erstaunt, dass eine amerikanische Firma Modelle herstellt, die aussehen wie bayerische Trachtenklassiker, nur schöner.
Eigentlich mag ich gar keine Hüte, weil sie Frisuren zerstören, aber der ist für eine Zeit bestimmt, in der ich keine Frisur mehr haben muss, nur gelegentlich einen Haarschnitt. Den struppigen Hund zum Spazierengehen schenke ich mir selbst, wenn wir aufs Land ziehen.

Marina Dietz
2005