...Das Städtchen hat außerdem einen schönen Friedhof mit mehr als 1000 historischen Grabdenkmälern, und da will mein alter Freund ausgiebig fotografieren. Nicht nur er: kaum angekommen treffen wir auf ein kurioses Quartett, bestehend aus Braut in üppigem Spitzengerausche, Bräutigam, Fotograf und Helferlein mit Reflektorschirm.
Die TouristInformation preist den Ort als stimmungsvoll an, der Fotograf hat ein Auge für Lichtverhältnisse und Hintergründe, drapiert Weiß und Schwarz vor und neben verwitterte Steinmetzarbeiten und gibt freundliche aber bestimmte Kommandos: Den Strauß höher! Kopf nach rechts drehen! Die Braut anschauen! Jetzt lächeln!
Hochzeitsfotos in einer malerischen oder irgendwie originellen Location sind Trend und werden, als Dokumente irdischer Zivilisation ins All geschossen, irgendwann irgendwelche Außerirdische über die befremdlichen Riten dieser primitiven Spezies staunen lassen.
(Hier das Ende eines Brautshootings in einem ehemaligen Kreuzgang)
Wir staunen jetzt schon, and we are not amused - ausgerechnet ein Friedhof als Kulisse? Im Hintergrund 500 Jahre alte Epitaphe für Stifterfamilien, die Personen immer in gleicher Anordnung mit gefalteten Händen, links Hausherr und männliche Nachkommen, rechts Mädchen und Frauen. Oft hat der Ehemann bis zu drei Gattinnen verbraucht, wohl durch die unglaubliche Menge der Kinder, von denen aber fast die Hälfte mit einem Kreuz als verstorben gekennzeichnet sind - viele Geburten, wenige Überlebende.

Ein herber Kontrast zu der aufgeschäumten Nettigkeit aktueller Hochzeitsinszenierungen! Hatte das Brautpaar bei der Wahl des Friedhofs fürs Fotoshooting etwa an den Satz einer kirchlichen Trauungszermonie gedacht: "...bis dass der Tod euch scheidet?"
Wir glauben es eigentlich nicht und hätten da einige nachhaltige Fragen an die dauerlächelnden jungen Leutchen parat.

Die Gruppe kommt näher, jetzt hat der Fotograf uns in unserer Beobachtungsloge entdeckt und äußert Entzücken: "Ihr Zwei seids ja so nett, ich mach gern ein schönes Foto von euch!"
Von Freundlichkeit überrumpelt folgen wir den Kommandos, Kopf drehen, anschauen, lächeln, und schon ist die Metamorphose von Statler und Waldorf in Philemon und Baucis passiert.

Am Abend haben wir noch eine Begegnung mit dem pränuptialen Irrsinn: wir treffen auf ein Opfer der neuen Unsitte, die Braut in spe beim Mädelabschied eine möglichst peinliche Aufgabe erledigen zu lassen. Begleitet von einem Rudel kichernder Freundinnen schleppt diese junge Frau einen Bauchladen mit hochgiftig aussehenden Trinkfläschchen, von denen sie möglichst viele verkaufen muss, denn sonst, erklärt sie uns, dürfe sie nicht heiraten. Ich finde zwar, das wäre angesichts solcher Zumutungen die bessere Lösung, aber weil sie so herzig fleht, nehme ich ihr ein besonders bösartig leuchtendes Exemplar Marke Waldmeister ab.

Beim letzten Glas auf dem schönen Marktplatz unter abnehmendem Mond frage ich dann mich und den Freund, warum wir heute zweimal so bereitwillige Mitspieler in albernen Stücken abgegeben haben.
Er weist darauf hin, dass wir in dem Städtchen an diesem Tag nur netten hilfsbereiten, gut gelaunten Leuten begegnet sind.
Ich frage weiter, ob solches Baden in Harmonie nicht auch gefährlich einschläfernd auf den kritischen Geist wirken könne.
Der Freund erinnert an den von ihm geschätzten Bert Brecht und dessen Text "Vergnügungen", zu denen der Dichter Reisen, bequeme Schuhe, begeisterte Gesichter zählt, aber als Letztes auch "freundlich sein".
Das kann man wohl so stehen lassen, einen Sommerabend lang.